Tanzfabrik Berlin und ihre Gründungsgeschichte

Die Tanzfabrik Berlin wurde im Juni 1978 als ein Zentrum für Modernen Tanz, Improvisation und experimentelle Tanzformen gegründet. Wie begann es?

Die Entstehung der Tanzfabrik Berlin verdankt sich einem Wurzelgeflecht, das tief in den Modernen Tanz reicht – und einem stabilen transatlantischen Netzwerk
Text: Heike Albrecht

Mir geht es nicht um ein Suchen, mir geht es um ein Finden. Hellmut Gottschild

1978 wurde mit der Tanzfabrik in Berlin-Kreuzberg ein neues Modell der künstlerischen Produktions- und Aufführungspraxis für den zeitgenössischen Tanz und seine fortwährende, oft experimentell genannte Erneuerung entworfen. Ihre Gründung markierte die beispielhafte Entwicklung einer zeitgenössischen Tanzszene, die von Beginn an auf eine internationale Netzwerkbildung und den Aufbau einer generationsübergreifenden, sich radikal neuen Formen verschreibenden Tanzausbildung zielte. Darüber hinaus knüpften zahlreiche Tanzfabrik-Akteur*innen bedeutende innerstädtische Kooperationen einer Aufführungspraxis in Berlin, so mit der Akademie der Künste, dem Theater am Halleschen Ufer oder Tanz im August.

Wie begann es?
Die Entstehung der Tanzfabrik Berlin ist eng mit der Entwicklung der Tanzmoderne des 20. Jahrhunderts verbunden. Im Jahr 1962 gründeten ehemalige Studierende von Mary Wigman – Hellmut Gottschild, Brigitta Herrmann und Katharina Sehnert – in Berlin-West das Ensemble Motion, die erste freie, unabhängige und kollaborativ geführte Tanzkompanie im geteilten Nachkriegs-Deutschland. Motion trat u.a. in „Stunde des Tanzes“ mit Gerhard Bohner auf und fand mit Dirk Scheper an der Akademie der Künste einen beständigen Partner. Bedeutsam wurden für das Ensemble Improvisationsstrategien, die Motion durch die Gastspielauftritte des Living Theater an der Akademie der Künste kennengelernt hatten; die Begegnung mit Merce Cunninghams Arbeit; das Verständnis des Judson Dance Theater; und der Einfluss elektronischer Musik (der Motion-Komponist Thomas Kessler erhielt 1968 den Kunstpreis der Stadt Berlin). Nach vorheriger „Feindbildbildung“ waren ab 1966 alle Kritiker von Ansatz und Formatbildung der Nach-Ausdruckstanz-Generation begeistert, die in Inhalt und Form als experimentell und avantgardistisch galt und konträr zur gängigen klassischen Tanzvorstellung, dem Ballett, arbeitete. Die Karrieren bekannter Tanzschaffender sind mit Motion verbunden: Susanne Linke mit ihrem ersten Auftritt, und die Motion-Tänzerinnen Irene Sieben und Leonore Ickstedt, alle drei ehemalige Wigman-Schülerinnen, gehörten mit zum Produktionsteam.

Motions letzte Stückentwicklung in Berlin, „Countdown for Orpheus“, 1967 an der Akademie der Künste uraufgeführt, kann als erste hiesige Multi-Media Produktion bezeichnet werden. Der Einsatz von Film, Live-Musik und gesprochenen Live-Texten nahm thematischen Bezug auf die damalige politische Gegenwart und deren gesellschaftliche Prozesse, wie die Anti-Vietnamkriegs Bewegung, die Studentenproteste und die Ankündigung der Mondlandung. Dennoch gelang es Motion nicht, in Berlin den Weg für den postmodernen Tanz frei zu machen.

Nach einem Presseverriss stellte Hellmut Gottschild klar, dass es in Berlin-West keine Weiterentwicklung für ihn und Motion geben würde und entschied sich 1968 für eine künstlerische Migration in die USA. Mit Brigitta Herrmann und Manfred Fischbeck wanderte er nach Philadelphia aus und sie begannen dort, unter dem Namen Group Motion Multi Media Dance Theater zu arbeiten. Auftritte in der Judson Church in New York 1968, beim Jacob’s Pillow Dance Festival 1969 und die Teilnahme am National Endowment for the Arts Touring Program machten die Gruppe in den USA bekannt. 1972 gründete Gottschild die Zero Dance Company, die er bis 1992 leitete; Fischbeck und Herrmann wiederum riefen den Group Motion Workshop ins Leben, der bis heute jeden Freitag im Community Education Center in West Philadelphia stattfindet und einen Ableger in Berlin, im Marameo, unter der Leitung der ehemaligen Group Motion-Tänzerinnen Heidi Weiss und Jennifer Man hat.

Zurück nach Berlin-West führten Gottschild und seine Kompanie Gastspieleinladungen der Akademie der Künste. Dem beständigen Austausch ist die spätere Gründung der Tanzfabrik zu verdanken. Christine Vilardo etwa kam als Mitglied der Zero Moving Company mit deren Einladung zum Festival PMMT – Pantomime, Musik, Tanz, Theater 1976 nach Berlin-West. Sie lernte Rainhardt Krätzig kennen, Sportstudent und Initiator der Kurse Selbsterfahrung durch Bewegung an der Freien Universität, der sie zu einem Workshop einlud und sie veranlasste, in Berlin zu bleiben. Vilardo unterrichtete nicht nur Modern Dance und Improvisation, sondern auch Contact Improvisation. Das Experiment, diese Tanzformen in Berlin zu etablieren und neue choreografische Wege zu gehen, begann mit der Suche nach Räumen. Ende 1977 wies Reinhardt Krätzig eine leere Fabriketage aus, eine Vereinbarung mit dem Besitzer wurde getroffen, die Apotheke in der Großbeerenstraße übernahm eine Garantieleistung und auf einer Fläche von 180 Quadratmetern entstand mit dem Studio1 die Keimzelle der künftigen Tanzfabrik. Auf die benachbarten 166 Quadratmeter zog die Wohngemeinschaft ein, deren wechselnde Mitglieder nachfolgend die Geschichte der Tanzfabrik mitbestimmen sollten.

Der Vision von Christine Vilardo und Rainhardt Krätzig, der Unterstützung durch den Musiker Heinz Zinsmeister, Petra Kugel und ihrem bereits verstorbenen Ehemann Helmut Kugel ist es zu verdanken, dass der erste Ort für den zeitgenössischen Tanz in Berlin entstehen konnte. Die Tanzfabrik in der Möckernstraße 68 in Berlin-Kreuzberg wurde „vielleicht wichtigstes Zentrum für die Entwicklung einer freien zeitgenössischen Tanzszene in Deutschland“ (Johannes Odenthal).

erschienen im Magazin tanzraumberlin 07-08.2018
www.tanzraumberlin.de