{"id":1180,"date":"2022-03-25T20:38:52","date_gmt":"2022-03-25T20:38:52","guid":{"rendered":"http:\/\/heikealbrecht.net\/ha\/?p=1180"},"modified":"2025-05-30T14:56:40","modified_gmt":"2025-05-30T14:56:40","slug":"deutsch-40-jahre-tanzfabrik-berlin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/heikealbrecht.net\/ha\/de\/2022\/03\/25\/deutsch-40-jahre-tanzfabrik-berlin\/","title":{"rendered":"Tanzfabrik Berlin und ihre Gr\u00fcndungsgeschichte"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Die <strong>Entstehung der Tanzfabrik Berlin<\/strong> verdankt sich einem Wurzelgeflecht, das tief in den Modernen Tanz reicht \u2013 und einem stabilen transatlantischen Netzwerk<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"> Text: Heike Albrecht<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\"><i>Mir geht es nicht um ein Suchen, mir geht es um ein Finden.\u00a0<\/i>Hellmut Gottschild<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">1978 wurde mit der Tanzfabrik in Berlin-Kreuzberg ein neues Modell der k\u00fcnstlerischen Produktions- und Auff\u00fchrungspraxis f\u00fcr den zeitgen\u00f6ssischen Tanz und seine fortw\u00e4hrende, oft experimentell genannte Erneuerung entworfen. Ihre Gr\u00fcndung markierte die beispielhafte Entwicklung einer zeitgen\u00f6ssischen Tanzszene, die von Beginn an auf eine internationale Netzwerkbildung und den Aufbau einer generations\u00fcbergreifenden, sich radikal neuen Formen verschreibenden Tanzausbildung zielte. Dar\u00fcber hinaus kn\u00fcpften zahlreiche Tanzfabrik-Akteur*innen bedeutende innerst\u00e4dtische Kooperationen einer Auff\u00fchrungspraxis in Berlin, so mit der Akademie der K\u00fcnste, dem Theater am Halleschen Ufer oder Tanz im August.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Wie begann es?<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 12pt;\">Die Entstehung der Tanzfabrik Berlin ist eng mit der Entwicklung der Tanzmoderne des 20. Jahrhunderts verbunden. Im Jahr 1962 gr\u00fcndeten ehemalige Studierende von Mary Wigman \u2013 Hellmut Gottschild, Brigitta Herrmann und Katharina Sehnert \u2013 in Berlin-West das Ensemble Motion, die erste freie, unabh\u00e4ngige und kollaborativ gef\u00fchrte Tanzkompanie im geteilten Nachkriegs-Deutschland. Motion trat u.a. in &#8222;Stunde des Tanzes&#8220; mit Gerhard Bohner auf und fand mit Dirk Scheper an der Akademie der K\u00fcnste einen best\u00e4ndigen Partner. Bedeutsam wurden f\u00fcr das Ensemble Improvisationsstrategien, die Motion durch die Gastspielauftritte des Living Theater an der Akademie der K\u00fcnste kennengelernt hatten; die Begegnung mit Merce Cunninghams Arbeit; das Verst\u00e4ndnis des Judson Dance Theater; und der Einfluss elektronischer Musik (der Motion-Komponist Thomas Kessler erhielt 1968 den Kunstpreis der Stadt Berlin). Nach vorheriger \u201eFeindbildbildung\u201c waren ab 1966 alle Kritiker von Ansatz und Formatbildung der Nach-Ausdruckstanz-Generation begeistert, die in Inhalt und Form als experimentell und avantgardistisch galt und kontr\u00e4r zur g\u00e4ngigen klassischen Tanzvorstellung, dem Ballett, arbeitete. Die Karrieren bekannter Tanzschaffender sind mit Motion verbunden: Susanne Linke mit ihrem ersten Auftritt, und die Motion-T\u00e4nzerinnen Irene Sieben und Leonore Ickstedt, alle drei ehemalige Wigman-Sch\u00fclerinnen, geh\u00f6rten mit zum Produktionsteam.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Motions letzte St\u00fcckentwicklung in Berlin, \u201eCountdown for Orpheus\u201c, 1967 an der Akademie der K\u00fcnste uraufgef\u00fchrt, kann als erste hiesige Multi-Media Produktion bezeichnet werden. Der Einsatz von Film, Live-Musik und gesprochenen Live-Texten nahm thematischen Bezug auf die damalige politische Gegenwart und deren gesellschaftliche Prozesse, wie die Anti-Vietnamkriegs Bewegung, die Studentenproteste und die Ank\u00fcndigung der Mondlandung. Dennoch gelang es Motion nicht, in Berlin den Weg f\u00fcr den postmodernen Tanz frei zu machen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Nach einem Presseverriss stellte Hellmut Gottschild klar, dass es in Berlin-West keine Weiterentwicklung f\u00fcr ihn und Motion geben w\u00fcrde und entschied sich 1968 f\u00fcr eine k\u00fcnstlerische Migration in die USA. Mit Brigitta Herrmann und Manfred Fischbeck wanderte er nach Philadelphia aus und sie begannen dort, unter dem Namen Group Motion Multi Media Dance Theater zu arbeiten. Auftritte in der Judson Church in New York 1968, beim Jacob\u2019s Pillow Dance Festival 1969 und die Teilnahme am National Endowment for the Arts Touring Program machten die Gruppe in den USA bekannt. 1972 gr\u00fcndete Gottschild die Zero Dance Company, die er bis 1992 leitete; Fischbeck und Herrmann wiederum riefen den Group Motion Workshop ins Leben, der bis heute jeden Freitag im Community Education Center in West Philadelphia stattfindet und einen Ableger in Berlin, im Marameo, unter der Leitung der ehemaligen Group Motion-T\u00e4nzerinnen Heidi Weiss und Jennifer Man hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Zur\u00fcck nach Berlin-West f\u00fchrten Gottschild und seine Kompanie Gastspieleinladungen der Akademie der K\u00fcnste. Dem best\u00e4ndigen Austausch ist die sp\u00e4tere Gr\u00fcndung der Tanzfabrik zu verdanken. Christine Vilardo etwa kam als Mitglied der Zero Moving Company mit deren Einladung zum Festival PMMT \u2013 Pantomime, Musik, Tanz, Theater 1976 nach Berlin-West. Sie lernte Rainhardt Kr\u00e4tzig kennen, Sportstudent und Initiator der Kurse Selbsterfahrung durch Bewegung an der Freien Universit\u00e4t, der sie zu einem Workshop einlud und sie veranlasste, in Berlin zu bleiben. Vilardo unterrichtete nicht nur Modern Dance und Improvisation, sondern auch Contact Improvisation. Das Experiment, diese Tanzformen in Berlin zu etablieren und neue choreografische Wege zu gehen, begann mit der Suche nach R\u00e4umen. Ende 1977 wies Reinhardt Kr\u00e4tzig eine leere Fabriketage aus, eine Vereinbarung mit dem Besitzer wurde getroffen, die Apotheke in der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe \u00fcbernahm eine Garantieleistung und auf einer Fl\u00e4che von 180 Quadratmetern entstand mit dem Studio1 die Keimzelle der k\u00fcnftigen Tanzfabrik. Auf die benachbarten 166 Quadratmeter zog die Wohngemeinschaft ein, deren wechselnde Mitglieder nachfolgend die Geschichte der Tanzfabrik mitbestimmen sollten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Der Vision von Christine Vilardo und Rainhardt Kr\u00e4tzig, der Unterst\u00fctzung durch den Musiker Heinz Zinsmeister, Petra Kugel und ihrem bereits verstorbenen Ehemann Helmut Kugel ist es zu verdanken, dass der erste Ort f\u00fcr den zeitgen\u00f6ssischen Tanz in Berlin entstehen konnte. Die Tanzfabrik in der M\u00f6ckernstra\u00dfe 68 in Berlin-Kreuzberg wurde \u201evielleicht wichtigstes Zentrum f\u00fcr die Entwicklung einer freien zeitgen\u00f6ssischen Tanzszene in Deutschland\u201c (Johannes Odenthal).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">erschienen im Magazin tanzraumberlin 07-08.2018<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\"><a href=\"https:\/\/www.tanzraumberlin.de\/fileadmin\/user_upload\/Magazin\/2018\/07-08\/Magazin_2018-07-08.pdf\"> www.tanzraumberlin.de<\/a>\u00a0<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tanzfabrik Berlin wurde im Juni 1978 als ein Zentrum f\u00fcr Modernen Tanz, Improvisation und experimentelle Tanzformen gegr\u00fcndet. Wie begann es?<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1183,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":""},"categories":[98],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/heikealbrecht.net\/ha\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1180"}],"collection":[{"href":"http:\/\/heikealbrecht.net\/ha\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/heikealbrecht.net\/ha\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/heikealbrecht.net\/ha\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/heikealbrecht.net\/ha\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1180"}],"version-history":[{"count":16,"href":"http:\/\/heikealbrecht.net\/ha\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1180\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1286,"href":"http:\/\/heikealbrecht.net\/ha\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1180\/revisions\/1286"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/heikealbrecht.net\/ha\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1183"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/heikealbrecht.net\/ha\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1180"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/heikealbrecht.net\/ha\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1180"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/heikealbrecht.net\/ha\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1180"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}